Nahrung bestimmt das
Leben von Geburt an. Der Mensch hat seine erste Nahrung aus dem Leib
der Mutter erhalten, Nahrung ist in unser tiefstes Unbewußte
eingegraben – ein bravourös in daumenhoch zischendem Schweinefett
heraus gebackenes Hendl, ein mit vollem Ornat servierter Tafelspitz,
artig begleitet von Knochenmark, Gemüse, Apfelkren und
Bouillonkartoffeln, oder eine saure Suppe mit Bauernbrot sind nicht nur
sinnliche Wonnen. Sie vermitteln dem, der sie isst, Gelassenheit,
Stärke und das erhabene Gefühl, dass der Lärm der Welt draußen bleibt.
Da
ahnt man, was Heimat ist. In der globalisierten Welt vermittelt Heimat
ja so etwas wie Orientierung, sie gibt inneren Halt, ja Lebenssinn. Zur
Vervollkommnung des irdischen Glücks bedarf es dann nur noch eines
schwerelosen Verliebtseins und, ganz klar, eines köstlichen Mahls in
einem der Gasthöfe oder einer der Berghütten, die uns auf Zeit zur
Heimat werden. Diese Stätten bieten ein gleichermaßen gastronomisches
wie kreatives Kraftwerk wider die seelenlose Globalisierung. Diese
kulinarische Regionalität ist umso wichtiger, weil es heute vielfach
einfacher ist, einen Hummer halbwegs anständig zubereitet zu bekommen
als etwa eine Rindsroulade oder selbst einen Schweinsbraten. Dabei sind
gastronomische Ikonen wie ein Grammelstrudel, in Butter geröstete
Semmelknödel mit einem Schwammerlgulasch, geröstete Rehleber, gefüllte
Kalbsbrust und ein Rindsgulasch mit einem derart dicken Saft, dass ein
Zweieurostück, darauf gelegt, nicht versinkt, doch Speisen, die es wert
sind, wie andere Kulturstücke erhalten zu werden. Der verheißungsvoll
aus der Küche duftende Braten symbolisiert in diesem Sinne auf
vollkommene Weise den Geschmack der Heimat. Da fängt unser Freund, der
Bauch, sofort freudig zu schnurren an.
August F. Winkler
August
F. Winkler, in der Steiermark aufgewachsener studierter Politologe, hat
als Bonner Korrespondent für viele deutsche Zeitungen berichtet, eher
er sich als Liebhaber von Wein und Kochkunst journalistisch den schönen
Künsten à la Wein, Champagner, Küche und Zigarren zuwandte. Seit
einigen Jahren lebt er in einem Bauernhof hoch über Vordernberg. Er ist
Herausgeber des monatlich erscheinenden Gourmet & Wein-Reports,
dazu hat er nebst vielen anderen Büchern ein Coffee-Table-Book über die
100 besten Köche im deutschen Sprachraum verfasst.